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© Tasos Zembylas, 12/1999, veröffentlicht in: KUNSTPUNKTE – Zeitschrift der Universität für Musik und Darstellenden Kunst Wien, Nr. 20/2000
Das Geheimnis und sein Komplement
Die ursprüngliche Bedeutung von „geheim“ als „zum Haus gehörig“ bzw. „vertraut“ scheint der gegenwärtigen Bedeutung („verborgen“, „dunkel“, „unheimlich“, „rätselhaft“) zu widersprechen. Trotzdem schwingt in dem Satz „Ich habe ein Geheimnis“ die alte Bedeutung mit. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist dieses mir heimlich, das heißt vertraut. Geheim im Sinne von nicht-bekannt ist ein Geheimnis eigentlich nur für die anderen. Das Wort geht also schwanger mit seinem Gegensatz: Die jeweils konkrete Bedeutung ist erst durch das Komplement gegeben. Das Wort „Geheimnis“ kann es ohne die Vorstellung vom Nicht-Geheimen gar nicht geben.
Ein Geheimnis als solches, als ein für sich stehendes Ding oder Sachverhalt, macht keinen Sinn. Nicht weil das Wort von seinem Komplement abhängt, sondern weil es nicht für sich allein bestehen kann. Das, wovon alle gar keine Ahnung haben, ist niemals ein Geheimnis – denken Sie an eine auf dem Meeresboden vergrabene, unbekannte und noch nicht entdeckte antike Skulptur, oder an einen noch nie wahrgenommenen Asteroiden. Keiner fragt danach. Niemand schert sich darum. Beides existiert nicht, für uns jedenfalls nicht. Was ich damit sagen will, ist denkbar einfach: Ein Geheimnis erscheint dort, wo jemand ein Mehrwissen zu haben meint. Der Glaube an das Geheimnis der göttlichen Schöpfung, um hier ein bekanntes Beispiel zu nennen, ist im Christentum heute nach wie vor lebendig. Warum? Ich denke, weil es seit Jahrhunderten Männer (meist in Purpurrot) gab – Frauen wird diese Rolle in der Regel nicht gestattet –, die behaupteten, ein Sonderwissen (Gnosis) und eine spezielle Verbindung (Medianismus) zu einem geheimnisvollen Absoluten zu haben. Das Entscheidende daran ist, dass ihre Behauptung genug Gläubige fand und immer noch findet. Daher: Das Geheimnis repräsentiert in einer Religion keinen Missbrauch, sondern ist ein unerlässlicher Bestandteil ihres Funktionierens.
Meinen Sie, es gibt gute Gründe zu sagen, das Geheimnis lässt sich als soziales und interaktives Spiel beschreiben? Ich weiß, es ist schwer uns selbst zu fragen. Geheimnisse, genauer gesagt die Teilnahme an Geheimnissen ist identitätsstiftend. Am besten fragen wir einen extraterrestrischen Ethnologen. Auf seine Antwort bin ich gespannt.
Wir kommen nicht um folgende Frage herum: Für wen ist etwas geheim? Diese Frage soll am Anfang jeder Untersuchung stehen.
Das Postulat von einem metaphysischen Geheimnis (z.B. „der göttliche Wille“) besteht aus einem Axiom, das heißt einer unbegründbaren Setzung – vergleichsweise wie ein mathematisches Axiom. Als Setzung, gerade weil es gesetzt wird, bedarf ein Axiom keiner weiteren Begründung. Es wird hingenommen. Das Hinnehmen des Geheimnisses als Geheimnis ist eine kollektive Handlung. Ein Geheimnis hat nicht den Sinn, dass es nur für einen Einzigen in dieser Welt Geltung hat. Geheimnisse geben Zeugnisse von Kollektiven – das Beispiel par excellence ist die Religion oder ein Geheimbund.
Unser Denken – damit meine ich auch die Rede vom Geheimnis – artikuliert sich primär innerhalb des sprachlichen Aktes. Mit „sprachlichem Akt“ meine ich nicht nur den linguistischen Sprechakt, sondern jede artikulatorische Praxis (selbstverständlich auch jede künstlerische Artikulation). Wir können uns durch verschiedene Akte ausdrücken und mitteilen; das Schweigen selbst ist eine Ausdrucksform und steht in einer inneren und notwendigen Beziehung zu den anderen sprachlichen Akten. Trotzdem gibt es stets eine uneliminierbare Differenz zwischen Wissen und Sagen-Können bzw. Ausdrücken-Können. Wir wissen also mehr als wir sagen können (Michael Polanyi). Es gibt Wissen bzw. Können, das nicht artikuliert werden kann. Das macht lange kein Geheimnis daraus, denn das, was sich nicht sagen lässt, lässt sich (meistens) zeigen. Das Unaussprechliche ist relativ; es bezieht sich auf eine bestimmte Artikulationsform. Ein prinzipielles und absolutes Unaussprechliches ist für mich – ich meine auch für jeden anderen – nicht denkbar. (Wer glaubt das Gegenteil beweisen zu können, soll mich bitte kontaktieren und eines Besseren belehren.) Gäbe es ein prinzipiell Unaussprechliches, so muss es per Definition die Möglichkeiten jedes Bewusstseins und jedes Begreifens, das heißt die Möglichkeit gedacht und/oder gezeigt zu werden, überschreiten. (Nebenbei: Die Mystik hat immer eine Sprache. Sie besteht aus Symbolen und Ritualen, aus einer Sondersprache und einer bestimmten Lebensweise. All dies sind intentionale Ausdrucksformen im Dasein des Mystikers.) Mein Gedankengang ist folgender: Wäre ein Geheimnis außerhalb des Bewusstseins, sagen wir in einer übernatürlichen, transzendentalen Dimension, so wüssten wir a priori nicht, wovon wir sprechen. Dann hätte unsere Rede über das Geheimnis keinen Sinn. Selbst der, der eine mystische Empfänglichkeit zu glauben hat, muss zugeben, dass er weiß, wovon er spricht. Das Geheimnis ist folglich Teil unserer (sozialen und symbolischen) Welt. Es ist „in“ und nicht „außerhalb“ der Welt.
Das Geheimnis als kultureller Prozess
Geheimnisse sind nicht nur prozessuale Vorgänge des Verdeckens und Entdeckens von etwas. (Im altgriechischen Wort für Wahrheit, aletheia, trägt übrigens genau diese Bedeutung: Aletheia ist die Ent-Hüllung bzw. Ent-Decktheit eines Phänomens.) Geheimnisse verleiten somit zu einer bestimmten Verhaltensweise: Fragen und Antworten, Insider oder Outsider sein, daran glauben oder es ablehnen. Mit anderen Worten: Ein Geheimnis impliziert eine Vielzahl von Handlungen und sozialen Interaktionen. Geheimnisse sind Praxis.
Geheimlehren werden gewöhnlich als Widerspruch zur Idee der Wissenschaftlichkeit verstanden. Dabei übersehen wir aber, dass einerseits Geheimlehren stets „Wissen“ erzeugen, und andererseits die Wissenschaften von den „Geheimnissen“ leben, die sie selbst produzieren. Geheimkult und Wissenschaftsdogmatik sind zwei Pole mit starken Anziehungs- und Abstoßungskräften. Keiner der beiden lässt uns so leicht indifferent. Ich habe daher den Eindruck, dass der Prozess der Kultur sich wie eine asymmetrische dreidimensionale Spirale fortbewegt. Mal nähern wir uns dem Kult des Geheimen, des Rätselhaften, der Gnostik, mal sehnen wir uns nach der heiteren, wohltuenden Transparenz der Aufklärung, nach der befreienden Schlagkraft des Skeptizismus. Vielleicht brauchen wir das Geheimnis, das Mystische, wenn die Begriffe kollabieren, wenn der Zeitgeist, an dem wir uns reiben, sich als die Selbstüberschätzung des erkennenden Geistes entlarven lässt. Der Antivirus in diesem Fall heißt: das Andere, das Undarstellbare und Unaussprechbare, die Reise in eine terra incognita. Nun, oft schlägt das Pendel um. Die Hypertrophie der Anbetung des Dunklen, Unartikulierbaren und Okkulten bringt uns zunehmend dazu, all das geheimnisvolle Getue und Gerede als zivilisatorisches Abfallprodukt zu betrachten. „Sapere aude!“ („Traue dich zu wissen“ – Kant.) Der Wille zum Wissen leitet die Dekonstruktion und Entmythologisierung ein, die offenlegt, in welcher Art und Weise die Rede vom Geheimnis stets instrumentalisiert wird: Durch den privilegierten Zugang zum Geheimnisvollen und Verborgenen, den die Eingeweihten zu haben behaupten, werden Machtbeziehungen einzementiert. Es formieren sich monokratische Organe, die sich für die Bewahrung der Orthodoxie, der wahren (Geheim-) Lehre zuständig fühlen. Es entstehen Mechanismen der Ausbeutung und Beherrschung. Und dann sagen wir, nein, wir schreien, wir brüllen, die Botschaft schießt aus jeder Pore und jedem Loch unseres Leibes: „Das wollen wir nicht! Widerstand!“
Kunst und Geheimnis: Spurensicherung oder eine „Ente“
Wenn man die ästhetische Erfahrung als die Erfahrung des Unaussprechlichen und Inkommensurablen (d.h. Unübersetzbaren, Unaustauschbaren) begreift, wie beispielsweise Jean-Francois Lyotard, dann bleibt noch eine Frage offen: Wie kann ästhetische Erfahrung artikuliert werden? Ist das Kunstwerk nicht der Beweis ihrer Artikulationsmöglichkeit? Warum nicht nichts schaffen, die Erfahrung für sich so belassen, wie sie ist? Stumm bleiben.
Der Eintritt des Geheimnisvollen in die Kunsttheorie: Es begann nicht mit der Romantik, sondern viel früher. Trotzdem gestatten Sie mir mit Novalis zu beginnen: „Die Welt muss romantisiert werden. [Romantisieren bedeutet] eine qualitative Potenzierung. ... Das niedere Selbst wird in ein besseres Selbst avanciert. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen ... gebe, so romantisiere ich es.“ Kunst ist demnach „eine Einweihung in ein privates Mysterium“ (George Steiner). Ich habe oben bereits angedeutet, dass die Rede vom Geheimnis notwendigerweise von der Vorstellung der Offenbarung begleitet ist. Von dieser Perspektive gesehen führt die Ästhetik der Romantik in ihrer verlängerten Entfaltung zu den ästhetischen Theorien von Martin Heidegger (1936) und Theodor Adorno (1969). Für Heidegger ist das Kunstwerk die „Entbergung des Seins“. Die Epiphanie, wann immer sie auftritt, nimmt eine dramaturgische Dimension an und endet in einem erhellenden Ereignis: Sie ist das Paradies der reinen Unmittelbarkeit (parousia), wo sich das Sein quasi symbolfrei zeigt. Bei Adorno ist das Finale ebenfalls fulminant: Avantgardistische Kunstwerke tragen den Schein des Himmelslichts und bieten, wenn es so weit ist, einen zarten, flüchtigen Einblick in ihr hermetisch verhülltes Inneres: die Spuren der Beschädigung (denn für Adorno ist die Wahrheit stets negativ). Sowohl Heidegger als auch Adorno übersehen, dass die Epiphanie in der Kunst (aber auch in anderen Heilslehren) von der hohen Strategie des Suggestiven lebt. Sie übersehen das, einfach weil sie selbst solche verbale Suggestionen verwenden. Ich bringe keine Zitate, um das zu belegen. Man soll ihre rhetorische Figuren lesen.
Von unzähligen PhilosophInnen hören wir: Kunst sei der Ort der Wahrheit. Aber die Wahrheit ist nicht (immer) zugänglich; sie ist nur „leihweise ... als Los zu nehmen“, schreibt beispielsweise Jacques Derrida. Ein Aufblitzen. „Das ist gerade fortgegangen. Das kommt zurück vom Fortgehen. Das ist gerade wieder fortgegangen“ – so Derrida weiter. Die Wahrheit und das Geheimnis sind zwei untrennbare Geschwister, siamesische Zwillinge. Die Operation zur Trennung wird nicht gelingen: Stirbt das Geheimnis, dann stirbt auch die Wahrheit in der Kunst.
Überholen, Weiterfahren
Ich wende mich gegen die Ontologisierung des Geheimnisses, das heißt, gegen die Auffassung, das Geheimnis wäre etwas Reales, ein Teil der wirklichen Welt. In diesem Sinne können sowohl Geheimnisse als auch Wahrheiten einzig und allein als Erfindungen der Menschen einen Sinn haben. Ich traue mich aber nicht zu schreiben: „Es gibt kein Geheimnis.“ Die meisten würden mich missverstehen und glauben, ich sei ein Physikalist der übelsten Sorte.
Letzte(r) Versuch(ung). Geheimnisse existieren in einem binären Zustand: Wissen oder Ignoranz. Die einen, die Eingeweihten, stehen drinnen, die andere bleiben draußen. Sokrates – ein schlauer Fuchs war er –, hat diese „Entweder-Oder“-Logik offensichtlich erkannt. Als ihm die Botschaft des Orakels von Delphi überbracht wurde, er sei der Weiseste aller Lebenden, antwortete er prägnant: „Ich weiß eins, dass ich nichts weiß“, oder in einer weniger paradoxen Variante: Ich weiß eins, dass ich nicht alles weiß. Durch die Selbststigmatisierung als Nichtwissender ersparte er sich die Schande, ein Ignorant zu sein (als Ignorant überführt zu werden). Was für ein strategischer Zug! zurück
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