© Tasos Zembylas, 1/2003; veröffentlicht in: KUNSTPUNKTE, Zeitschrift der Universität für Musik und Darstellenden Kunst in Wien, Nr. 25/2003, S.22-23.

 DER HORROR SIND DIE ANDEREN

 Wie schön wäre es, wenn die folgende Geschichte bloß ein Albtraum gewesen wäre. An einem schönen Tag, es ist ein wenig länger als ein Jahr her, trat der amerikanische Präsident George W. Bush vor die Öffentlichkeit, um stellvertretend für eine politische Elitegruppe das Credo seines politischen Bekenntnisses zu formulieren: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Ein weiterer denkwürdiger Satz, der aus seinem Freund-Feind-Gedankenmuster ableitbar ist – er hat ihn bloß noch nicht ausgesprochen –, lautet: „Weil sich unsere Feinde zu unseren Feinden gemacht haben, haben sie ihre Existenzberechtigung verloren.“ Der Kreuzzug gegen das Böse darf also beginnen. Achtung, fertig, bum!

Bemühungen zur Herstellung eines minimalen internationalen Konsensus erübrigen sich. Die Logik des „Präventivschlages“ hat die Rhetorik der „Friedenssicherungsmission“ (z.B. Somalia 1993) abgelöst. In der Folge hat sich die begriffliche Unterscheidung zwischen Angriff und Verteidigung dramatisch verwässert. Führende Politiker, Generäle und ihre Freunde in den Redaktionsbüros diverser Massenmedien stimmen den gleichen Gesang an: „Schlagt den Weltterror nieder!“ Vernachlässigt, verharmlost und verschwiegen wird der Rest vom Schlachtfeld – im Fachjargon Kolateralschaden genannt. Nach Bekanntmachung eines angerichteten Unglücks tritt irgendein junger, nett aussehender Pressesprecher auf, um zu bekunden: „Wir bedauern dies. Der Präsident und die Armee bemühen sich weiter um den maximalen Schutz der Zivilbevölkerung...“ So ist es möglich Bombeningenieure als Friedensbringer, Waffenhändler als Freiheitsverkünder und Kriegstreiber als Menschenfreunde darzustellen.

 Tiefstes Mittelalter? – Versuch einer Analogie

 Man möge sich fragen, ob tiefe Nacht über uns hereingebrochen ist. Die Renaissance der Dämonologie erhärtet diesen Verdacht. Phrasen wie „Achse des Bösen“, „Komplizen des Satans“, „Verbrechernation“ und „Schurkenstaat“ sind allgegenwärtig, im Orient wie auch im Okzident. Die moralistische Teilung der Welt in Engel und hasserfüllte Todessöldner ist nach dem 11. September rigoroser denn je geworden. Radikale Säuberungsaktionen wie in (vermeinlich) weit entfernten Zeiten sind wieder möglich und real. Damals im Jahr 1209, fünfundzwanzig Jahre nach der formellen Konstituierung der Inquisition, befehligte der Abt von Cîteaux die päpstliche Armee bei der Stürmung von Béziers – einer südfranzösischen Stadt, in welcher sich so genannte Häretiker (heute würde man vielleicht von Terroristen sprechen) eingeschlossen hatten. Als er von seinen Offizieren gefragt wurde, wie ein Katholik von einem Ketzer zu unterscheiden wäre, antwortete er: „Tötet sie alle. Gott wird die Seinen wiedererkennen.“ Fast acht Jahrhunderte später fordert der „gerechte Kampf“ gegen den „international agierenden Terrorismus“ in Afghanistan über 20.000 Kriegstote; allein im ersten Kriegsmonat sollen rund 5000 Zivilisten durch Fehltreffer getötet worden sein. Die strukturelle Analogie zur Erstürmung von Béziers liegt nahe: Im Namen eines höheren Guts, nämlich der „nationalen Sicherheit“, „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ und der „Menschenrechte“ ist Morden direkt oder indirekt wieder legitim geworden. Langjährige Blockaden, die im Endeffekt Hungersnot für große Teile der unterprivilegierten Zivilbevölkerung eines Landes bedeuten, werden unter dem Segen der UNO verhängt. Geächtete C-Waffen (thermobarische Bomben, Bomben mit Uranmunition u.a.) sowie massenvernichtende Streubomben werden als „notwendiges Kampfmittel“ auch in mitunter dicht bevölkerten Gebieten verwendet. Dass sie große Mengen toxischer Substanzen hinterlassen, die Menschen, Ackerland und Grundwasser nachhaltig vergiften, kümmert keinen, der Tausende Kilometer entfernt wohnt, abends nach der Arbeit vor dem Kaminfeuer sitzend Whisky auf seinem Gaumen zergehen lässt, um dann zufrieden schlafen zu gehen. „Was für ein schöner Tag war das heute!“

Es ist von vielen mittlerweile vergessen worden, dass im Jahre 1235 die katholische Kirche offiziell die Anwendung von Folter als Mittel zur Wahrheitsfindung erlaubte. Die meisten Hexenverbrennungen, die in den folgenden Jahrhunderten stattfanden, erfolgten, nachdem die Beschuldigten ein Geständnis abgeliefert hatten. An Scheingeständnisse dachte damals kaum jemand und daher wurden die Urteile der Heiligen Inquisitionsgerichte – zumindest im Sinne des damaligen Rechtsverständnisses – nicht nur als rechtmäßig, sondern auch als gottgesegnet erachtet. Vor etwa einem Jahr brachte die US-Armee einige Tausende inhaftierte militante Afghanen zu einer Militärbasis nach Kuba. Dort hielten sie die Gefangenen mehrere Wochen mit verbundenen Augen in niedrigen, gerade 2 mal 2 Meter großen Drahtverschlägen gefesselt und entzogen ihnen willkürlich Nahrung und Schlaf. Zur Wahrheitsfindung verprügelten amerikanische Soldaten – die übrigens bei Auslandseinsätzen volle Immunität genießen – diese „Barbaren“ und schlugen ihnen die Zähne aus. Nach erfolgreicher Beendigung der Verhörphase hatten die US-Soldaten einen Heimaturlaub wahrlich verdient. Wie kann man sich für die harte Arbeit am Besten belohnen – mit einem Konzertbesuch und anschließendem Hummerdinner vielleicht?

 Logik und Paradoxien des neu aufgerollten Radikalismus

 Vieles von dem, was heute obsessive Angst auslöst, das Unheimliche, wird – manchmal beinahe automatisch – mit Begriffen wie „Terroristen“, „Ausländer“, „Fundamentalisten“, „Imperialisten“ assoziiert. Diese Schlagwörter stehen für imaginäre Feindbilder und lösen in der Folge kollektive Reaktionen aus, die tendenziell atavistische Züge haben können. Der Rassismus grassiert rund um den Globus. Amerikanische Staatsbürger leben in manchen Ländern unter ständiger Lebensgefahr, nur weil sie der gegnerischen Seite zugeordnet werden. Umgekehrt sind in den USA rassistisch motivierte „hate crimes“ im Ansteigen und dort lebende AraberInnen (Staatsbürger aus dreizehn verschiedenen Staaten) müssen sich seit kurzem polizeilich registrieren lassen, weil sie ebenfalls aus dem „falschen“ Kulturraum kommen. Toleranz bedeutet in diesem Land faktisch „fragile Duldung“. Das Böse ist oft nicht nur banal, wie Hannah Arendt uns lehrte, sondern häufig auch konfus und widersprüchlich. Da helfen auch keine eleganten Argumentationen über demokratische Prinzipien und Freiheit, keine Reden über die ethische Rechtfertigung der eigenen Ziele und die unmoralische Natur des Bösen. Kultureller und politischer Totalitarismus produzieren blinden Antiamerikanismus und undifferenzierten Antiislamismus, dumpfen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. Solchen Phänomenen kann man nicht bloß mit einer korrigierenden, sozusagen „aufklärerischen“ Informationspolitik begegnen. Nur intern generierte Selbstkritik kann RassistInnen zu AntirassistInnen und ChauvinistInnen zu BrückenbauerInnen transformieren.

Gewalt, wann immer sie im Anrollen ist, beruft sich auf eine einfache Rechtfertigungsformel: „Der Horror sind die Anderen!“ Die Schuldzuweisung wird von einem visionären Traum begleitet: „Was könnten wir alles erreichen, wenn wir das Böse beseitigen würden...“ Der Anspruch auf eine bessere Welt begründet den Willen und die Entschlossenheit zum totalen Vernichtungskrieg. Der Sieg und die Herstellung einer „natürlichen“ und „gerechten“ Ordnung, einer prästabilisierten Harmonie werden so zum transzendentalen Endziel einer ganzen Nation erklärt: „Wir Amerikaner sind friedliebende Leute“ stellte Bush kurz vor Weihnachten fest. Die selbe Instrumentalisierung der Sprache zur Verfolgung ihrer Zwecke beherrschen auch ein Geistlicher der Taliban, der irakische Verteidigungsminister und ein Dschihad-Kämpfer.

Zur Verwirklichung ihrer erhabenen Ziele rufen sie alle zum Kampf auf. Das Ritual verlangt nach strenger Dramaturgie. Zuerst sind die bösen Zungen am Werk: Präsidenten und Lokalfürsten, Obristen und Warlords, oberste Richter und Propheten unterstreichen die Niederträchtigkeit und Bösartigkeit der anderen. Nach reifem Überlegen und unter Berücksichtigung moralischer Prinzipien verkünden sie die Endlösung: den Heiligen bzw. Gerechten Krieg – je nachdem, welches Sprachspiel sie gebrauchen. Hinter sie tritt dann ein Chor von professionellen Apologeten, Hurra-Patrioten und notorischen Konformisten, die zustimmend applaudieren und „Zugabe“ in mehreren Modulationsformen singen. Ein Spotlicht erhellt das Gesicht der Präsidenten, Anführer und Welterlöser. Ihre Stimmlage wird tiefer, die Wortwahl expressiver: „Ihr Terroristen, ihr Kapitalisten, ihr Diktatoren, ihr Bombenwerfer, ihr Illegale, ihr Abtrünnigen, ihr Barbaren, ihr Menschenhasser, ihr kranken Mörder, ihr Bedroher unserer Kinder! An dem Tag, an dem ihr zu existieren aufhört, werden wir den Garten Edens vollenden!“ Ergriffenheit breitet sich aus; das Publikum steht spontan auf; mit Tränen in den Augen feiern sie das „Wir“ hoch. Im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden verkündet die Politik eine harmonische Gemeinschaftlichkeit, die jedoch nirgendwo Realität ist – ein Trugbild, da wie dort.

Der in den letzten Jahren neu aufgerollte Radikalismus ist totalitär. Er marginalisiert die konkreten Individuen, um mehr Platz für die „Gemeinschaft“, für das „Wir“ einzuräumen. Die intellektuellen Fürsprecher der „aktiven Gesellschaft“ (Amitai Etzioni u.a.) in den westlichliberalen Staaten betrachten mittlerweile die klassische Theorie der Grundrechte, die in erster Linie die physische Person als den eigentlichen Träger von Grundrechten anerkennt, als revisionsbedürftig. Anstelle des Individuums plädieren sie für die Einführung der „Gemeinschaft“ als kollektives Rechtssubjekt: das Volk, die Nation, die Gesinnungsgemeinschaft, „unsere Leute“. Im Namen dieses kollektiven Rechtssubjekts fordern sie die Restitution seiner Integrität, seiner Freiheit, seines Sicherheitsbedürfnisses, seines Wohlstands. So mündet die Theorie der „aktiven Gesellschaft“ in eine Theorie der „wehrhaften Gemeinschaft“ und diese wiederum in eine Theorie des „gerechten Krieges“. (Nur so lässt sich verstehen, warum viele US-Gelehrte in einem öffentlichen Brief vom 12.2.2002 Bushs Politik offenherzig unterstützen.)

 „Kultur“!

 Die Formel „Der Horror sind die Anderen!“ impliziert eine totalitäre Entscheidungslogik, weil sie keine Möglichkeiten zulässt, den „Anderen“ (die für den Horror verantwortlich gemacht werden) positive Attribute zuzusprechen. Die „Terroristen“ sind blutrünstige Monster; die „Ungläubigen“ gottlose Seelen; die „Schurken“ Feinde der Freiheit und der Demokratie; die „Kapitalisten“ gierige Geldsauger und der Ursprung jeder Ungerechtigkeit. So rückt ein einziges Ziel in den Vordergrund, das ebenfalls einer totalen Logik folgt: die Rettung einer „Wertegemeinschaft“, einer „Kultur“, einer „heilen Welt“. Konsequenterweise werden alle Mittel legitimiert – das erlaubt sowohl die vorherrschende utilitaristische Werteordnung als auch die Berufung auf den rigorosen Moralismus der Theokraten und Ideologen. Wenn wir in unseren sicheren Wohnzimmern sitzen und vor dem Fernsehschirm gespannt Filmaufnahmen betrachten, wie Todeskommandos Flugzeuge in Wolkenkratzer krachen lassen oder auf einer anderen Seite des Planeten B-52-Piloten die Klappen ihrer gigantischen Flugzeuge öffnen, um Hunderte von Bomben über ein Wohngebiet abzuwerfen oder wie Scharfschützen auf jede sich bewegende menschliche Gestalt schießen, die zufällig in ihrem Blickfeld auftaucht, dann sollten wir eines wissen: Sie alle handeln so, weil sie zum einen Befehle durchführen und zum andern sich auf ihre „Kultur“ berufen, die sie so am Besten zu verteidigen glauben.

 

Die Logiken der Kriegstreiber gleichen sich frappant. Heilige Islamkrieger und Kreuzritter scheinen sich gegenseitig gut zu kennen. Die Transzendentalität ihrer jeweiligen Projekte verhilft ihnen, ihre Widersprüche und ihren Zweifel auszublenden. In Überzeugung an die historische Notwendigkeit und moralische Richtigkeit ihres Tuns wenden sie hemmungslose Gewalt an, um ihre „Kultur“, die sich als friedensliebende ausgibt, zu retten. Sie töten um das Töten abzuwenden; sie foltern, um die Wahrheit zu erfahren, sie terrorisieren, um Frömmigkeit und Gerechtigkeit durchzusetzen.

Ist dies die Welt, die Sie, lieber Leserin, lieber Leser, wollen?

PS: Es empfiehlt sich das Manifest für den „gerechten Krieg“ zu lesen, das am 12. Februar 2002 von etwa sechzig prominenten amerikanischen Intellektuellen unterzeichnet wurde – ich „What we are fighting for“ – siehe
http://www.propositionsonline.com/html/fighting_for.html (englische Originalfassung) und
http://www.nzz.ch/dossiers/2001/usa/2002.02.23-al-article7ZME0.html (deutsche Übersetzung). 

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