© Tasos Zembylas – 2000, veröffentlicht in: KUNSTPUNKTE – Zeitschrift der Universität für Musik und Darstellenden Kunst Wien, Nr. 18/1999
Die Jagd nach dem „anderen Ich“
Eine Frau sagt: „Ich höre gelegentlich das Kind in mir.“ „Bist du schwanger?“ fragt sie spontan ihre Freundin.
Alles ein Mißverständnis?
WOVON IST HIER DIE REDE
„Das Kind in mir“, „das Tier in mir“, „das Monster in mir“ usw. Welche Theorie vom Psychischen rechtfertigt von einem Etwas in mir zu sprechen? Es muß eine Theorie zugrunde liegen, die eine Trennung zwischen einem „Innen“ und einem „Außen“ hypostatisiert. Und man spricht nicht vom „Radiergummi in mir“, weil wir hier Symbole verwenden. „Das Kind“, „das Tier“ sind Rollenbilder, die wir metonymisch verwenden.
„Was willst du damit ausdrücken, wenn du vom ‘Kind in dir‘ sprichst?“, frage ich dich. – Ich sage „ausdrücken“ und nicht „mitteilen“, denn es geht primär nicht um eine Mitteilung. Diese Redeweise ist emotionell beladen; du willst offensichtlich damit ein Gefühl oder ein Erlebnis ausdrücken.
Was ist das Kind? Jedenfalls setzen alle Sozial-, Kultur-, und HumanwissenschafterInnen, die das Kind zum Gegenstand ihrer Untersuchung machen, erstens einen Subjektbegriff und zweitens eine Theorie des Mentalen (Struktur des Bewußtseins, der Gefühle, des Verhaltens, des Begehrens, des Unbewußten ...) voraus. Tun sie es nicht – eine wissenschaftliche Untersuchung ohne Voraussetzungen (sic!) –, dann wissen sie nicht, wovon sie sprechen. Tun sie es doch, dann schreiben sie dem Kind gewisse Eigenschaften apriori zu. Beispielsweise: „Phantasie, Spontanität, Experimentieren, Aufbrechen und Umbrechen ...“
„Kindisch“, „kindlich“. Wo liegen die Unterschiede? Im „Duden“ können wir lesen: „kindisch: für einen Erwachsenen in unpassender Weise albern; unreif ...; kindlich: in der Art eines Kindes; einem Kind gemäß“. Die unterschiedliche Bedeutung weist auf die Ambivalenz unseres Blickes auf die Kinder hin.
Ich kenne kein Buch, das die Welt eines Kindes besser darstellt als James Joyces Roman „A Portrait of the Artist as a Young Man“. Wie gelingt es ihm? Er übernimmt die kindliche Sprache, und so verzaubert er uns in einer fremden und zugleich bekannten Welt.
KNOTEN UND VERWIRRUNGEN
Nochmals die Frage: Was ist das Kind? Das Verwirrende an dieser Frage ist, daß wir alle einmal Kinder gewesen sind; viele leben auch mit Kindern. Und doch: „Kinder sind anders“ (Maria Montessori), sagen wir; das heißt anders als Erwachsene.
Wir sprechen über die eigene Kindheit, über Kinder, die wir gut kennen und ausgehend von Erzählungen über fremde Kinder. Gelegentlich rechtfertigen wir unser (Vor-)Wissen mit dem Argument: „Schließlich kann ich mich sehr gut an meine Kindheit, Gedanken und Gefühle von damals erinnern.“ - Die Erinnerung kann uns täuschen.
Was sind also die epistemologischen Grundlagen unseres Wissens über Kinder? Phillippe Ariès betonte in seiner „Geschichte der Kindheit“ (München, 1975) zweierlei: „Kind“ ist erstens kein biologischer Begriff, und zweitens enthält er keine Konstanten. „Kind“ ist also ein historisch-dynamischer, kontextbedingter und daher kontingenter Begriff. Statt vom Wesen des Kindes zu sprechen, schlug er folglich vor, über unsere Bilder vom „Kind“ nachzudenken. (Was Sigmund Freud dazu gesagt hätte, wissen wir nicht. Lloyd DeMause, („Hört die Kinder weinen“, Frankfurt a. M., 1978) protestierte in seinem Namen lautstark.)
TRÄUME UND GESCHICHTEN
Das „eigene, eigentliche Kind entdecken“, wie es KünstlerInnen seit Generationen taten, beruht auf einer Verklärung. „... kein gemeiner Gedanke soll in unsere Seele kommen, Kinder müssen wir werden, wenn wir das Beste erreichen wollen ...“ (Philipp Otto Runge) Daher: „Im kindlichen Wesen soll die Welt genesen.“ – Reden wir weiter darüber.
Das Kind als „kleiner Wilde“, als sensitives (sinnlich-sensibles aber auch verletzliches) Naturwesen war das Gegenbild zum weißen Mann nordeuropäischer Herkunft, der zwar mächtig und rational, aber durch ein psychisches Defizit gekennzeichnet war. Mit diesem Bild beschreibt Goethe in seiner „Italienischen Reise“ seine Begegnung („... ich ein armer Nordländer ...“) mit einem Knaben, der ein „Lustgeschrei und Freudesgeheul“ bei seiner Ankunft im Hafen von Neapel ausstieß.
Die Glorifizierung des Kindes, die Verklärung seiner rätselhaften Andersartigkeit erinnert mich unweigerlich an Jean-Jacques Rousseau („Emil oder Über die Erziehung“). Er war zwar nicht der erste, der das Kind zu einem naiven, reinen und authentischen Wesen stilisierte. Es ist jedoch anzumerken, daß nirgendwo die Rousseauschen Ansichten, der Kulturmensch wäre eine Degenerationserscheinung und die Zivilisation (Arbeitsteilung, Privateigentum u.a.) verfremde den Mensch radikal, so langfristig gewirkt haben, wie im deutschsprachigen Raum. („Ein Newton der sittlichen Welt“, nannte ihn Kant, und für Herder war er „ein Heiliger und Prophet“.)
„Endlich kommt zur Erde nieder/ Aller Himmel selges Kind ...“ Novalis Strophen kommen nicht von ungefähr. Im Katholizismus gibt es einen beispiellosen Kult des Kindes: das Christkind und die Abermillionen von Putten, die herumsummen ...
Friedrich Schiller („Philosophische Schriften und Gedichte“) sprach vom Spieltrieb des Menschen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist ... und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Mit Spiel meinte er in erster Linie nicht regelgebundene Spiele wie z.B. Schach oder Backgammon, sondern Kinderspiele - also wenn die Kinder das Spiel selbst erfinden und sich die Spielregeln selbst ausdenken. Eine solche Tätigkeit war für Schiller ein Akt der Freiheit.
In der Analogie zwischen Kunst und Spiel finden wir einen wichtigen Topos der Kunsttheorie der Moderne. Die Auffassung der Kunst als „autonomes Kombinationssystem“ (Leibniz) bedeutet, daß die künstlerische Gestaltung ihrem eigenen Willen folgt. Kunst entsteht demnach aus dem offenen, spielerischen Umgang mit künstlerischen Mitteln und verzichtet zunächst auf eine denotative Bedeutung. Hinter der großen Bedeutung des Spielbegriffs verbirgt sich freilich eine Kulturkritik gegen die zweckgebundene Rationalität der technisierten Welt.
Schließlich das Kind als Künstlergenie: Thomas Mann schrieb in seiner Erzählung „Das Wunderkind“ (1903): „... da sitzt man als ergrauter Kerl und läßt sich von diesem Dreikäsehoch Wunderdinge vormachen. Aber man muß bedenken, daß es von oben kommt ...“
Mein häufiger Bezug auf Autoren und Künstler der Romantik soll nicht heißen, daß das mythische Bild des Kindes keine Aktualität hätte. Antoine Artaud, der zwar seit 50 Jahren tot ist, aber für viele Zeitgenossen ein lebendiges Vorbild darstellt, deklarierte: Er wollte vergessen, daß er das Zeichnen gelernt hatte und zog es vor, „ein Mensch zu sein, der das Prinzip des Zeichnens aufgegeben hat“. Die Blätter sind „besudelt, ... das Papier zerknittert, die Personen gekennzeichnet vom Bewußtsein eines Kindes.“ Worum ging es ihm? Um eine Kunst, „die sich niemals um die Kunst kümmert.“
Auch Paul Eluard sprach von einer Kunst „[that could] give back the civilized man the force of his primitive instincts“. Der alte Gegensatz zwischen Natur und Zivilisation wurde also wieder heraufbeschworen. Neben der „gekochten“ Kunst, die an der Kultur teilnimmt und sich an ihren kanonischen Vorschriften (die Klassiker) orientiert, soll es auch eine „rohe“, a-kulturelle Kunst geben. „True art is never where it is expected to be: in the places where no one considers it, nor names it” schrieb Jean Dubuffet. (“L’Art Brut Préféré aux Arts Culturel“, 1947) Diese a-kulturelle schöpferische, anarchische Produktion – ich nenne sie bewußt nicht „Kunst“, weil sie nicht Kunst sein will – fanden manche in den Werken von Geisteskranken, andere in den Werken von Kindern. Was all diesen „zustandsgebunden“ Werken gemeinsam ist, ist die Tatsache, daß Geisteskranke und Kinder von der allgemeinen kulturellen Konditionierung relativ unbeeinflußt sind. Die einen, weil sie „nicht funktionieren“ können und wollen, die anderen, weil sie noch nicht durch die schulische Bildung, Medien u.a. gedrillt, abgerichtet – netter ausgedrückt kultiviert - sind.
„Das Kind in mir“ könnte also in diesem Kontext für das „Andere der Vernunft“ (Michael Foucault) stehen, nämlich für das, was über Jahrhunderte verfolgt wurde und vom Logos zum Schweigen verurteilt war: das rohe, „wilde Ich“; kurz das, was der Disziplinierungsgesellschaft ein Dorn im Auge ist. Doch der Weg zu einer a-kulturellen, ungebändigten Produktivität verlangt von den KünstlerInnen, wie Antoine Artaud anmerkte, ihre Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten zu vergessen. Ein solches künstlerisches Programm können wir freilich nicht in Kunstuniversitäten verwirklicht finden. (Es wäre also ein performativer Widerspruch, eine künstlerische Praxis unterrichten zu wollen, die sich gegen einer akademischen Vermittlung, einer Versprachlichung und Institutionalisierung wendet.)
Die utopische Vision dieser freiwilligen Regression – wieder Kind werden – war freilich ein Rettungsversuch des Konzepts der Authentizität - dieses „schönen (und falschen) Traums“. (Roland Barthes: „Mythen des Alltags“)
AUSATMEN – NACHDENKEN
Wir befinden uns also in einem Supermarkt der Mythen. Die Dichotomie zwischen Mythos und Selbsterfahrung – wir waren alle Kinder - trübt. Erfahrungen und auch Selbsterfahrungen sind nie „rein“. Während wir uns an unsere Kindheit besinnen, uns an die Wutausbrüche oder an das sorglosen Plantschen im Meer wiedererinnern, und wenn wir ganz verliebt die ersten Gehversuche der eigenen Sprösse beobachten, sind wir so gefangen, daß wir die leisen Schritte des eindringenden Mythos überhören. Unsere Erfahrungen erscheinen uns als unbefleckt und zuverlässig. Aber das ist selbst ein neuer Mythos.
Die unaufhörliche Suche nach dem wahren Selbst, das eigentliche Kind in mir, die Urspuren - ich höre von weitem Jenseits das Händeklatschen von Sigmund Freud. Und er ruft mir zu: „Such weiter mein Sohn, such! Denn diese Spuren sind untilgbar."