© Tasos Zembylas; 3/1998; veröffentlicht in: KUNSTPUNKTE – Zeitschrift der Uni­ver­sität für Musik und Darstellenden Kunst Wien, Nr.16/1998

STRUKTURWandel und die Trägheitskraft der INSTITUTIONEN

 

 KUNST ALS BERUF

Beruf oder Berufung? Wer sich für die Kunst berufen fühlt, seine Arbeit in „höheren Sphären“ positioniert, wird im Laufe seines Lebens wohl merken, daß es nicht bloß reicht, Kunstwerke zu schaffen. KünstlerInnen müssen in der Lage sein, ihre Leistungen zu vermitteln und zu verwerten - wenn sie davon leben möchten. Selbst das „Verklärte“ verlangt Professionalität, weil es sonst kaum wahrgenommen wird. Folglich werden wir uns mit dem ersten Fall beschäftigen: Kunst als Beruf.

Was heißt es, Kunstschaffende/r zu sein? Das künstlerische Feld ist keinesfalls homogen, und das breite Band der Variationen - AvantgardistInnen, AkademikerInnen, IdealistInnen und KommerzkünstlerInnen - macht es unmöglich, eine einzige Antwort auf diese Frage zu geben. Für alle (mit Ausnahme jener Outsider, die Kunst schaffen aber nicht im Kunstbetrieb partizipieren) gelten jedoch gewisse Regeln. Regeln, die aus den jeweiligen Berufsbedingungen resultieren und sie in ihrem Arbeitsumfeld (Orchester, Ensemble, Team usw.) integrierbar machen. Neben den unmittelbar künstlerischen Tätigkeiten haben KünstlerInnen auch gesellschaftliche, kaufmännische sowie organisatorische Verpflichtungen, denen sie im Idealfall mit ebenso großer Virtuosität nachkommen müssen.

Kunstschaffende sind meist freiberuflich tätig. Sie befinden sich in einem Umfeld, das wir Kunstwelt nennen, und das aus Institutionen, gesetzlichen Regelungen, ökonomischen Rahmenbedingungen, Konventionen und Ritualen besteht. Um sich in diesem Umfeld zu bewegen, benötigt man gewisse Fähigkeiten und Dispositionen. Hohe künstlerische Fertigkeiten sind wichtig; sie sind jedoch nicht alles, was ein/e junge/r Künstler/in braucht, um in der Berufswelt Fuß zu fassen. Wer jenseits eines gesicherten Anstellungsverhältnisses - sprich Pragmatisierung - arbeitet, benötigt ein Beziehungsnetz, um seinen Bekanntheitsgrad aufzubauen und seine künstlerischen Qualitäten in die Tat umsetzen zu können. Empfehlungen und Vertrauen sind Grundbedingungen für langfristige Kooperationen zwischen Akteuren des Kunstbetriebes.

Es ist festzuhalten: Kommunikative und soziale Kompetenzen sind entscheidend - (es sei denn, der Herr Papa ist Millionär und sitzt in wichtigen Gremien).

 DAS KÜNSTLERBILD IM WANDEL

Kaum eine andere Berufsdefinition ist derartig ideologisch verstrickt und umstritten wie das der KünstlerInnen. Die Vielschichtigkeit und Verschiedenartigkeit der unterschiedlichen Formen der Kunstproduktion und -rezeption machen das Berufsbild verschwommen. Demgemäß sind die Vorstellungen und Erwartungen junger Kunststudierende der realen Berufspraxis oft nicht angemessen.

Der Künstler - ich verwende das Maskulinum mit dem Hinweis, daß gängige Künstlerbilder männlich besetzt sind - war spätestens seit Charles Baudelaire etwas besonders; heute ist er dies jedoch nicht mehr:. Er ist nicht mehr ein Held, ein wilder, sozialer Rebell. Allein das elitäre Bewußtsein, das ihn über die Masse erhebt, hat sich zum Teil bewahrt. Ein Wandel ist also im Gang: Aufgrund der zunehmenden Professionalisierung des Kunstbetriebs entwickeln KünstlerInnen heute eine neue Einstellung. Sie sind zu der Einsicht gekommen, daß sie die Kunst nicht beherrschen, sondern: die Kunst als kulturelles Phänomen und institutionalisiertes System beherrscht sie. Infolge dieser veränderten Einstellung und Selbsteinschätzung ist ihr Kalkül rational bzw. pragmatischer geworden. Somit orte ich einen Paradigmawechsel im gegenwärtigen Kunstbegriff: Kunstwerke müssen nicht bestimmte weltanschauliche Inhalte transportieren oder formale stilistische Kriterien erfüllen, um als „Kunstwerke“ anerkannt zu werden. Die Kunstpraxis bestätigt das: Der Unterschied zwischen Kunstwerk, Designobjekt und Ornament, das heißt zwischen der „reinen“ und der „angewandten“ Kunst (high and low culture), wird nicht mehr als wesenhaft betrachtet: er wird allein durch die Warenfunktion der Gegenstände bestimmt.

Was bedeutet dieser Wandel für die Praxis? Die zunehmende Professionalisierung verleiht dem Aspekt der Rhetorik und der Selbstdarstellung (Performanz) einen sehr zentralen Stellenwert innerhalb des Karriereaufbaus von KünstlerInnen.

WIDER DEN KünstlermythEN

Das Selbstverständnis der KünstlerInnen (das Berufsbild) entsteht in der Auseinandersetzung mit Identitätsvorbildern. Die Vorbilder werden durch die Tradition (Rezeption und Geschichte) bestimmt und zu Heroen hochstilisiert. Die Auseinandersetzung und Aneignung von mythischen Künstlerfiguren geht in der Regel vor sich, ohne daß die Beteiligten etwas davon merken. Im folgenden möchte ich zwei zentrale Mythen erwähnen.

Die klassische Unterscheidung zwischen den KünstlerInnen, die ihr Dasein und Werk gemäß den Erwartungen einer Publikumsschicht zurechtschmieden und denjenigen, die keine Gesetze kennen als ihre selbstgesetzten Prinzipien und Ziele, ist ein abstraktes, d.h. wirklichkeitsfernes Bild. Im Alltag treffen wir in den meisten Fällen einen Mischtypus zwischen den beiden Extremen. Das Dasein als freie/r Kunstschaffende/r bedeutet nicht, daß KünstlerInnen autonom (d.h. selbstbestimmend) arbeiten. In einer vielschichtigen Art und Weise sind alle Kunstschaffenden von den Marktstrukturen (z.B. Agenturen, ProduzentInnen, Vertreibern) abhängig sowie auf VeranstalterInnen (Musik- und Theaterhäuser, Radio- und Fernsehanstalten) und das Kommunikationsnetz des gesamten Kulturbetriebes (Medien) angewiesen, um ihre Werke bzw. künstlerischen Leistungen präsentieren und verwerten zu können. Daher sind die Abhängkeitsverhältnisse, wie sie traditionell zwischen ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen existieren, auch im künstlerischen Feld, obwohl nicht immer sichtbar, vorhanden. Abgesehen davon versucht jede/r Künstler/in sich regelmäßig in die Position des Anderen zu versetzen, um so zu reflektieren, wie etwas (eine künstlerische Entscheidung) wirkt. Willentlich oder nicht reagieren sie auf die anderen und ihre Bedürfnisse. Zudem arbeiten alle KünstlerInnen (MusikerInnen, Filmschaffende, SchauspielerInnen) mit anderen Menschen zusammen; sie kooperieren, weil sie es müssen. Es wäre also eine glatte Lüge zu behaupten, es gäbe so etwas wie „kompromislose KünstlerInnen“ - diese haben allenfalls noch nicht bemerkt, wie oft sie ihre eigenen Intentionen modifizieren.

Neben dem Mythos des autonomen Künstlers gibt es auch den Mythos des Genies, also jener Person, die über „unerklärliche“ Fähigkeiten (Erfindungsgabe) verfügt. Das Genie erbringt künstlerische Leistungen, die allgemeine Bewunderung genießen oder haben diese zumindest verdient (siehe: „verkanntes“ Genie). Der Geniemythos - man ist eins oder man ist keins - hängt mit einer bestimmten Vorstellung von Subjektivität und Kreativität zusammen, die im 18. Jahrhundert entstand. So sehr diese Genealogie interessant sein mag, sind heute solche Konzepte mehr als anachronistisch: Sie sind - verzeihen Sie die Polemik - reaktionär!

Kreativität ist ein umfassender und schwer zu beschreibender Begriff. Er bezeichnet eine persönlichkeitsabhängige Fähigkeit, außerhalb der gewöhnlichen Bahnen zu denken, Probleme zu erfassen und neue originelle Lösungen finden zu können. Doch es gibt keinen Grund eine solche Kompetenz (Qualifikation) zu mystifizieren.

Ableitend: Kreativität und kritisches Denkvermögen - Fähigkeiten, die nicht nur Kunstschaffende benötigen - können nicht explizit gelehrt werden. Sie können jedoch gefördert werden, wenn Menschen die Möglichkeit zur Partizipation an verschiedenen Entscheidungsprozessen haben. Die Demokratisierung der Ausbildungsinstitutionen und speziell des Innenlebens der Kunst- und Musikuniversitäten setzt eine gänzlich neue Einstellung voraus. Das gegenwärtige Meister-Schüler-Verhältnis ist hoffnungslos veraltet und diesbezüglich kontraproduktiv. Die Rolle der Lehrenden muß versachlicht und an explizite Bewertungskriterien gebunden werden. Die Studierenden müssen mehr Selbstverantwortung übernehmen und in den Selbstevaluierungsprozeß (Beurteilung des Lehr- und Lernerfolges) der Universitäten miteingebunden werden. All dies sind Voraussetzungen für zivile, zuvorkommende Lern-, Arbeits- und Kommunikationsformen.

NACHTRAG - die bevorstehenden Studienreformen

Damit schließe ich den Bogen von soziologischen und kulturphilosophischen Bemerkungen zur gegenwärtigen Situation der Kunst- und Musikuniversitäten. Der Gesetzgeber ordert Reformen: Wie soll man bei der Neugestaltung der Studienpläne vorgehen? Lernzielpräzisierung, Lerninhaltsbestimmung und Lernorganisationsentscheidungen müssen:

·        das Qualifikationsprofil der AbsolventInnen verbessern (regelmäßige Anpassung der Studieninhalte an neue Berufssanforderungen, Entsprechung internationalen Standards);

·        die Studierbarkeit fördern (einfacher Studienablauf, Flexibilität, Durchlässigkeit);

·        die Effizienz des Studiums erhöhen (Kürzung der Orientierungsphase, Kürzung der tatsächlichen Studienzeiten).

Leicht gesagt, schwer getan? In Österreich fehlt bis heute ein Forschungsprojekt, das sich primär mit den konkreten Inhalten des künstlerischen Studienplanes, dem Qualifikationsprofil der AbsolventInnen sowie mit den zukünftigen Berufsanforderungen befaßt.

Kunst- und Musikuniversitäten sollen sehr wohl Spitzenleistungen fordern und fördern - sie sind „conditions of excellence“. Sie müssen sich aber ebenfalls ohne Überheblichkeit um jene Studierende kümmern - und diese machen die statistische Mehrheit der AbsolventInnen aus -, die keine großartige Karriere haben werden. Eine Gesellschaft profitiert nicht nur von Helden und Stars: Hunderte von KünstlerInnen, die in kleineren Umkreisen schöpferisch tätig sind, bereichern unseren Alltag und tragen ebenfalls zur Vermittlung und Verbreitung von Kunst bei. In diesem Sinne ist der elitäre Habitus, der hinter manchen (leider auch Hochschulangehörigen) steckt, revisionswürdig. Wir brauchen alle: SpitzenkünstlerInnen und KünstlerInnen - GeneralistInnen, SpezialistInnen und MacherInnen. Da aber grundsätzlich die berufliche Zukunft jedes einzelnen Studierenden unsicher ist - der Karriereverlauf hängt von vielen kontingenten Faktoren ab - sollen die Lehrpläne so ausgerichtet sein, daß die AbsolventInnen durch Selbständigkeit und hohe Adaptationsfähigkeit ausgezeichnet sind.

 

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